© xpb.cc Eingespieltes Team: Seit 1995 standen Niki Lauda und Florian König zusammen vor der Kamera 

Wie der denkwürdige Abschied von Niki Lauda als TV-Experte eine einmalige Chance sein kann, die Formel 1 im deutschen Fernsehen neu auszurichten

Beim Saisonfinale in Abu Dhabi haben viele von Ihnen wohl nicht erst in der Nacht geschlafen, sondern schon am Nachmittag. Denn das Rennen, mit dem sich die Formel 1 mit Glanz und Gloria in die Winterpause verabschiedet hat, hatte - so ehrlich muss man sein - das Spannungsniveau einer hochdosierten Schlaftablette.
Dass die Formel 1 überhaupt noch stattfinden muss, wenn das Kernpublikum in Europa schon Biathlon und Skirennen schaut und sich Gedanken um die Weihnachtseinkäufe macht, ist ein anderes Thema. Ich persönlich glaube: Mehr Qualität und weniger Quantität würde dem Grand-Prix-Kalender gut tun. Und die Vorfreude auf Melbourne 2018 wäre nach einer längeren Winterpause größer. So haben die Fans zu wenig Zeit, Entzugserscheinungen zu entwickeln.
Wenn es denn dann wieder losgeht, wird einer (zumindest als TV-Experte) nicht mehr dabei sein: Niki Lauda. Und das ist der Grund, warum wir heute Florian König schlecht schlafen lassen.

König ist definitiv kein Verlierer des Wochenendes, was eigentlich dem Konzept dieser Kolumne entsprechen würde. Aber trotzdem irgendwie eine tragische Symbolfigur für den denkwürdigen TV-Abend, den uns der Sender mit den 3 Buchstaben kürzlich geliefert hat.

Denkwürdiger TV-Moment
Als Lauda vor laufender Kamera zu seiner Rücktrittserklärung ansetzte, war der Moderator fassungslos und traute seinen Ohren nicht. Offensichtlich war Laudas Ankündigung nicht vorher abgesprochen - und wenn doch, dann sollte König sich überlegen, nach Hollywood zu gehen.
Seine Emotionen wirkten ehrlich, und auch wenn es der Job des TV-Moderators so an sich hat, von vielen kritisiert zu werden, dürfte er mit seinem menschlichen Ausstieg aus der Abu-Dhabi-Übertragung viele Sympathien gesammelt haben.
"Danke, Legende", sagte er - und umarmte Lauda, der sonst nicht viel mit Gefühlsausbrüchen anfangen kann. Minuten, die in die Geschichte der Formel-1-Übertragungen eingehen werden - und an einem ansonsten inhaltsleeren Grand-Prix-Abend mit großem Abstand Thema des Tages waren.
Das belegen unsere Zugriffszahlen. Kaum jemand interessierte sich gestern Abend für die Analysen des Rennens. Aber die Lauda-Story wollte jeder lesen.

Was die Formel 1 betrifft, steht die Fernsehlandschaft in Deutschland möglicherweise vor einem Umbruch. Noch gibt es keinen Vertrag für die Live-Rechte 2018. Das könnte eine Chance sein, die Königsklasse hierzulande neu zu positionieren.
Der sender mit den 3 Buchstaben wird gerade von den meist fachkundigen Lesern von Special-Interest-Plattformen wie unserer oft als oberflächlich kritisiert und durch den Kakao gezogen. Zu Unrecht. Der Kölner Privatsender bietet einem mainstreamig orientierten, patriotischen Publikum eine gesunde Mischung aus Sport und Entertainment. Ideal für jeden, der alle zwei Wochen Formel 1 schauen will und sonst nicht viel mit Motorsport am Hut hat.

2018: Chance für eine neue Ausrichtung?
Für die Hardcore-Fans, die jeden Schnipsel Information aufsaugen, ist das zu wenig. Aber die haben schließlich auch eine Alternative: Pay TV. Wer alles über die Formel 1 wissen möchte, der muss für ein Pay-TV-Abo bezahlen. Und auch wenn Pay TV von den Fans weniger oft kritisiert wird als z.B. der Privatsender aus Köln, müsste gerade der Pay-TV-Anbieter die aktuelle Situation auf dem Markt als Chance für einen Neubeginn begreifen.

Sascha Roos und Marc Surer machen am Mikrofon einen hervorragenden Job. Sachlich und kompetent, aber doch mit der nötigen Leidenschaft, die den Fan an die Formel 1 bindet. Aber beim Konsum der Pay TV-Übertragungen hat man manchmal das Gefühl, die Crew kratzt mit ihrer Präsentation ganz bewusst nur an der Oberfläche, anstatt mit (der zweifellos vorhandenen) Kompetenz tief in die Materie einzudringen und komplexe Hintergründe zu erklären.
Das halte ich für einen Fehler.

Free-TV und Pay-TV ergänzen sich perfekt
Free TV bedient den Mainstream ganz hervorragend. Heiko Waßer und Christian Danner mag nicht jeder, aber sie machen es auch demjenigen leicht, in die Formel 1 einzusteigen, der den Sport noch nicht in- und auswendig kennt. Das ist ihre Aufgabe. Und Kai Ebel ist dem einen oder anderen vielleicht etwas zu schrill und bunt, aber in Deutschland kennen ihn wahrscheinlich mehr Menschen als Sebastian Vettel. Nicht ohne Grund. Der aktuelle Privatsender aus dem Free TV macht das, was er machen soll, hervorragend.
Es wäre wünschenswert, wenn die beiden Sender auch 2018 nebeneinander koexistieren könnten. Wer Free TV nicht mag, kann zu Pay TV wechseln, und umgekehrt. Diesen Luxus haben außer Deutschland nicht viele Länder, wenn es um die Formel 1 geht. Und wir als Special-Interest-Medium wünschen uns, dass das so bleibt! Sender wie z.B. RTL, Sky und das Internet ergänzen sich perfekt. Jeder bedient eine Nische, und jede dieser Nischen ist wichtig für die Attraktivität des Sports insgesamt.
Zurück zum Ausgangspunkt, Florian König und Niki Lauda. Gesetzt den Fall, dass der Kölner Sender die Formel 1 weiterhin live überträgt, wer soll dann neuer Experte werden? In Form unseres aktuellen Online-Votings liegt ein erster Trend vor: Knapp 37 Prozent wünschen sich Nico Rosberg ans Mikro, 31 Prozent Timo Glock, 13 Prozent Gerhard Berger und immerhin sieben Prozent Alex Hofmann. Alle vier wären eine gute Wahl. Rosberg wahrscheinlich die beste.

Zum Abschluss bleibt mir nur noch zu sagen (schreiben): Danke, Niki Lauda, für mehr als zwei Jahrzehnte am Mikrofon des Kölner Senders. Eine Ära geht zu Ende. Ich mag nicht immer Ihrer Meinung gewesen sein (und das werden viele sagen), aber allein die Tatsache, wie sehr Sie polarisiert haben, spricht für einen guten Job.
Das Schlimmste für einen Journalisten oder Experten ist, wenn er die Menschen kalt lässt. Das haben Sie ganz bestimmt nie.

Quelle: Formel1.de, Autor: Christian Nimmervoll